Wasserstoff als künftiger Energieträger

Rhein-Kreis Neuss. Der aktuelle Monitoringbericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie ein Rundschreiben des Landkreistags (LKT) Nordrhein-Westfalen verdeutlichen, dass die Energiewende auf Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Kosteneffizienz ausgerichtet werden muss. Für den Rhein-Kreis Neuss, einer der wichtigen Standorte der Industrie, des Gewerbes und Dienstleistungen im Lande NRW, ist das eine Herausforderung, nicht zuletzt, weil die Braunkohleförderung spätestens 2033 endet.

Bekanntlich hat sich die Kreisverwaltung, ermuntert durch die politischen Gremien, für Wasserstoff als Energieträger der Zukunft entschieden. Das ist etwas, was nicht ohne kritischen Anmerkungen bleibt, liegt dieser Entscheidung doch eine Rechnung mit vielen Unbekannten zugrunde. 

Der eingangs erwähnte Bericht betont, dass die deutsche Energieversorgung in wind- und sonnenarmen Zeiten nur mit flexiblen Kraftwerkskapazitäten, Speichern und einem gezielten Netzausbau stabil gehalten werden kann zum Nutzen zahlreicher energieintensive Unternehmen, deren Wettbewerbsfähigkeit von sicheren und bezahlbarer Energie abhängt.

Thematisiert wird auch ein Wasserstoff-Kernnetz, das bis 2032 entstehen soll. Es führt durch das Rheinland und macht die Region fit für Produktion, Verteilung und Nutzung von Wasserstoff. Für den Rhein-Kreis Neuss ergibt sich Chance, mitzugestalten und neue Wertschöpfung zu schaffen. Soweit die Absicht, aber davon ist bisher wenig zu sehen und bis 2032 sind es lediglich sechseinhalb Jahre.

Katharina Reinhold, Landrätin, Rhein-Kreises Neuss, KSS, Kreissitzungssaal Grevenbroich

Wer nun annimmt  das alles sei heiße Luft und die betroffenen Unternehmen würden schon schauen, wie sie an preiswerte Energie kommen, bevor sie den Standort aufgeben, ist auf dem Holzweg. Soeben hat Landrätin Katharina Reinhold Dr. Dieter Ostermann, den Vorstandsvorsitzenden des Wasserstoff-Hubs, im Blauen Salon des Grevenbroicher Ständehauses, einen Förderbescheid in Höhe von € 750.000 übergeben. Die Unterstützung ist auf fünf Jahre angelegt und unterstreicht die zentrale Bedeutung der Wasserstoffwirtschaft für die industrielle Transformation und nachhaltige Standortentwicklung im Rhein-Kreis Neuss insbesondere vor dem Hintergrund des Strukturwandels im Rheinischen Revier. Dass damit ein Teil des Wasserstoffnetzes gebaut werden soll, ist allerdings nicht anzunehmen.

Begleitet wurde die Übergabe mit schönen Worten. Ostermann begrüßt die Förderung: „Die Unterstützung durch den Rhein-Kreis Neuss ist ein entscheidender Schritt für die Weiterentwicklung unserer Arbeit. Sie ermöglicht es uns, die regionale Wasserstoffwirtschaft noch gezielter zu stärken und innovative Projekte voranzubringen. Gemeinsam mit unseren Partnern wollen wir den Transformationsprozess der lokalen Industrie begleiten und den Rhein-Kreis Neuss als führende Wasserstoffregion weiter etablieren“, heißt es in einer von der Pressestelle des Rhein Kreises Neuss verbreiteten Berichterstattung.

Dr. Dieter Ostermann, Vorstandsvorsitzender Wasserstoff Hub RKN / Rheinland e. V.; Rechte: Wasserstoff Hub RKN / Rheinland e.V.

Das Neusser Tageblatt hat Dieter Ostermann zum Thema befragt.
NT: Was denken Sie, wo großflächig der Wasserstoff herkommen kann, der im Rhein-Kreis gebraucht wird?
Der Wasserstoff wird perspektivisch über das deutsche Wasserstoff-Kernnetz bereitgestellt. Dieses Netz verbindet Importkorridore aus der Nordsee, den Niederlanden und Belgien mit den industriellen Verbrauchszentren in Deutschland.
Der Rhein-Kreis Neuss ist dabei gut positioniert: Durch die Region verlaufen rund 52 km des geplanten Kernnetzes. Damit besteht ein direkter Anschluss an die zukünftige europäische Wasserstoff-Infrastruktur, die sowohl Import- als auch inländische Produktionsquellen integriert.
Langfristig wird der Wasserstoff aus einer Kombination von Importen – etwa aus Offshore-Windregionen oder sonnenreichen Ländern – und heimischer Elektrolyse stammen.

NT: Was denken Sie, was ist das Äquivalent zum sogenannten Industriestrompreis?
Ein mögliches Äquivalent zum Industriestrompreis ist ein wettbewerbsfähiger Wasserstoffpreis von unter 3 €/kg beim Endkunden, sobald das Kernnetz vollständig aufgebaut ist.
Bei einer Energiedichte von etwa 33,33 kWh/kg entspricht das rund 9 ct/kWh.
International sehen wir bereits ambitionierte Zielmarken:
    • China strebt solche Preisniveaus bereits kurzfristig an.
    • Die USA haben mit Initiativen wie „Hydrogen Shot“ das Ziel von unter 1 US$/kg bis 2030 formuliert – das entspräche etwa 3 ct/kWh.
Entscheidend ist dabei: Der Preis wird weniger durch die Technologie selbst bestimmt, sondern durch Skalierung, Infrastruktur und den Zugang zu günstiger erneuerbarer Energie.

NT: Denken, Sie dass man mit Wasserstoff heizen kann?
Technisch ist das grundsätzlich möglich. Wasserstoff kann in vielen Anwendungen Erdgas direkt ersetzen, insbesondere in industriellen Hochtemperaturprozessen. Eine Wasserstoffflamme in Luft erreicht etwa 2.000–2.100 °C und ist damit vergleichbar mit Erdgas.
Für die Gebäudebeheizung ist die Situation jedoch differenzierter: Hier werden typischerweise Temperaturen unter 100 °C benötigt. Eine klassische Verbrennung mit sehr hohen Flammentemperaturen ist dafür energetisch nicht optimal.
Effizienter sind alternative Ansätze wie die katalytische Oxidation von Wasserstoff, bei der die Reaktion ohne offene Flamme abläuft und besser an das benötigte Temperaturniveau angepasst werden kann.
Bei der Gebäudebeheizung ist in vielen Fällen jedoch elektrische Lösungen wie Wärmepumpen die effizientere Option.

NT: Der Wirkungsgrad von Wasserstoff ist ja grottenschlecht, weil zwei Wege gegangen werden müssen, erstens die Herstellung und dann die erneute Umwandlung, was denken Sie, wie man da auf einen vernünftigen Preis kommt?

Sie meinen den Fall, mittels Strom per Elektrolyse Wasserstoff zu erzeugen, um diesen Wasserstoff dann per Brennstoffzelle wieder in Strom umzuwandeln? Dann stimmt es, dass Wasserstoff eine Umwandlungskette durchläuft (Strom → Wasserstoff → Nutzung), was mit Effizienzverlusten verbunden ist. Entscheidend ist jedoch die Systemperspektive:
    • Wasserstoff wird vor allem dort eingesetzt, wo direkte Elektrifizierung nicht möglich oder unwirtschaftlich ist (z. B. Stahl, Chemie, Hochtemperaturprozesse, Langzeitspeicherung oder Schwerlast-Mobilität).
    • Er ermöglicht die Nutzung von sehr günstigen erneuerbaren Energiequellen weltweit, die sonst nicht transportierbar wären.
    • Durch Skaleneffekte, internationale Lieferketten und Pipeline-Infrastruktur kann Wasserstoff trotz geringerer Effizienz wirtschaftlich konkurrenzfähig werden.
Der Preis wird daher weniger durch den Wirkungsgrad allein bestimmt, sondern durch die Gesamtkosten des Energiesystems.

NT: Da der Heizwert von Wasserstoff eher gering ist, müssten ganz neue Netze installiert werden mit deutlich dickeren Leitungen. Ist das realistisch?
Der volumetrische Heizwert von Wasserstoff liegt bei etwa 3 kWh/Nm³ und ist damit rund um den Faktor 3 niedriger als Erdgas. Das bedeutet: Für die gleiche Energiemenge muss ein höheres Gasvolumen transportiert werden.
Allerdings gibt es mehrere wichtige Einordnungen:
    • Bestehende Erdgasleitungen sind zu großen Teilen (ca. 90–95 %) technisch für Wasserstoff umstellbar („H2-ready“).
    • Anpassungen sind vor allem bei Kompressoren, Armaturen und Messsystemen notwendig, weniger bei den Rohrleitungen selbst.
    • Das geplante deutsche Wasserstoff-Kernnetz nutzt zu einem erheblichen Teil umgewidmete Erdgasleitungen (rund 10.000 km).
Vor dem Hintergrund, dass Erdgas perspektivisch ausläuft, ist die Umnutzung bestehender Infrastruktur nicht nur realistisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.
Zudem gilt: Wasserstoff hat eine sehr hohe gravimetrische Energiedichte (33,33 kWh/kg) – die Herausforderung liegt primär im Transportvolumen, nicht in der gespeicherten Energie pro Masse.

PS: Das Beitragsfoto ist ein Screenshot von der Webseite des Hub RKN

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