Stimmung ist besser als Lage

Rhein-Kreis Neuss. Die Stimmungslage der mittelständischen Wirtschaft im Rhein-Kreis Neuss hat sich im Vergleich zum Sommer 2025 verbessert. Der Geschäftsklimaindex steigt im Vergleich zum Vorjahr um zwei auf nun 132 Punkte (2025: 130) und liegt damit über dem langjährigen Durchschnitt von 127 Punkten. Das ist der Kerninhalt eines „Mittelstandsbarometers“ für den Rhein-Kreis Neuss, den traditionell Creditreform Düsseldorf / Neuss, die Kreisverwaltung, die Sparkasse Neuss und die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein vorgelegen. Ermittelt wird das mit einer  eine telefonische Befragung von 500 Unternehmen aus allen Kommunen des Rhein-Kreises.

Diese gute Stimmungslage korrespondiert nicht mit einer vom Landesstatistikamt aktuell heraus gegebenen Meldung: Im 1. Halbjahr 2026 haben die Amtsgerichte in Nordrhein-Westfalen 3.428 beantragte Unternehmensinsolvenzen registriert. Das waren 7,5 % mehr als im 1. Halbjahr 2025 und so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr. 

Die  positive Stimmung im Rhein-Kreis Neuss basiert wesentlich auf einem weiterhin sehr positiven Auftragsklima, die sich im Vergleich zur Vorumfrage allerdings um zehn Punkte abgeschwächt hat. Gleichzeitig verzeichnet das Umsatzklima einen Sprung um acht Punkte auf 127 Punkte, während das Ertragsklima um fünf Punkte auf 123 Punkte steigt. Beide Werte bleiben allerdings unter dem Wert von 2024. Gleichzeitig schwächt sich der Eingang neuer Aufträge ab. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass die aktuelle Geschäftslage noch von bestehenden Reserven getragen wird, während der Ausblick auf die kommenden Monate vorsichtiger ausfällt. „Die Unternehmen trotzen den vielfältigen Krisen. Die leichte Verbesserung des Geschäftsklimaindexes ist zwar erfreulich, stellt jedoch noch kein Signal für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung dar. Positiv ist, dass 75 Prozent der Unternehmen das Zahlungsverhalten ihrer Kunden als stabil einschätzen. Diese höhere Stabilität gegenüber dem Vorjahr darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der langfristige Trend seit 2021 weiterhin auf eine Zunahme der Zahlungsverzüge hindeutet. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen ihre Zahlungsziele in den vergangenen Jahren ausgeweitet haben und ihren Kunden heute mehr Zeit für die Begleichung ihrer Rechnungen einräumen“, ordnet André Becker, Mitglied der Geschäftsleitung von Creditreform Düsseldorf / Neuss, die Ergebnisse ein.

Sie stellten das Mittelstandsbarometer bei strahlendem Sonnenschein am Wendersplatz vor: Landrätin Katharina Reinhold mit (v.l.) Gregor Werkle (Bereichsleiter Wirtschaftspolitik IHK Mittlerer Niederrhein), Stephan Meiser (Direktor Unternehmenskommunikation Sparkasse Neuss),  Andrè Becker (Mitglied der Geschäftsleitung Creditreform Düsseldorf/Neuss), Marcus Longerich (Vorstandsmitglied der Sparkasse Neuss) und Jürgen Steinmetz (Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein).
Foto: S. Büntig/Rhein-Kreis Neuss

Die fünf untersuchten Hauptwirtschaftszweige entwickeln sich uneinheitlich. Das Verarbeitende Gewerbe meldet bessere Werte und kann sich um fünf Punkte steigern. Nach den deutlichen Verlusten im Vorjahr melden Handwerk und Bauwirtschaft wieder deutlich bessere Werte und gewinnen 14 bzw. 19 Punkte. Stabil bleiben die Dienstleister mit einem geringfügigen Zuwachs um einen Indexpunkt. Dagegen verliert der Handel deutlich und liegt jetzt mit 119 Punkten auf dem niedrigsten Stand seit der Corona-Pandemie.

Der Gesamtindex bleibt auf einem hohen Niveau. Die aktuellen Daten bestätigen, dass die regionalen Wirtschaftsunternehmen trotz der anhaltenden globalen Krisen und der sich verschlechternden internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland insgesamt weiterhin in einer insgesamt stabilen und soliden Verfassung sind. „Der Rhein-Kreis Neuss ist ein wirtschaftsstarker und international gefragter Standort mit hervorragenden Zukunftsperspektiven. Der Strukturwandel und die damit verbundenen Flächen bieten umfangreiche Chancen zur zukunftsorientierten Weiterentwicklung unseres Standorts. Diese Chancen nutzen wir und arbeiten dabei eng mit unseren Partnern und den Akteuren in der Region zusammen. Das unterstreichen Leuchtturmprojekte wie zum Beispiel die Umgestaltung des stillgelegten Braunkohlekraftwerks in Frimmersdorf zu einem Digital- und Innovationsstandort mit Strahlkraft weit über das Rheinische Revier hinaus“, wird Landrätin Katharina Reinhold zitiert. „Die Unternehmen werden bei uns auch künftig ausgezeichnete Standortbedingungen vorfinden, um erfolgreich wirtschaften und ihre Innovationskraft voll entfalten zu können.

Im Jahr 2026 zeigt das Mittelstandsbarometer eine zunehmende Wahrnehmung des Strukturwandels, der mit dem Braunkohleausstiegs im Rheinischen Revier verbunden ist. 90 Prozent der Unternehmen im Rhein-Kreis Neuss nehmen den Strukturwandel aktiv wahr – das entspricht einer Zunahme von 3 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig wird die Bewertung des Prozesses zunehmend ambivalenter. Mit 59 % sieht die Mehrheit der Unternehmen den Strukturwandel als Chance aber  auch als Risiko. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem deutlichen Anstieg um 18 Prozentpunkten. Gleichzeitig geht der Anteil der Unternehmen, die den Strukturwandel überwiegend positiv bewerten, spürbar zurück: Nur noch 24 % sehen darin eine (sehr große) Chance. Die überwiegend negative Einschätzung nimmt hingegen auf 17 % zu. Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, erklärt dazu: „Das Ergebnis zeigt, dass alle Akteure weiterhin engagiert daran arbeiten müssen, den Strukturwandel zum Erfolg zu führen. Die Förderung muss sich noch stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientieren. Die Unternehmen kennen die Chancen, sehen aber zugleich die Auswirkungen, die das Ende der Braunkohle für den energieintensiven Standort insgesamt haben kann. Entsprechend ist die Sorge vor einem Abbau von Arbeitsplätzen in der Region gewachsen. Dass inzwischen 69 Prozent der Unternehmen mit einem Innovationsschub rechnen, ist auf den Spatenstich von Microsoft für einen Hyperscaler sowie auf die Ankündigung eines weiteren Hyperscalers für Grevenbroich zurückzuführen. Konkrete Projekte und sichtbare Ergebnisse überzeugen die Wirtschaft.“

Angesichts des verbesserten Ertragsklimas nimmt die Investitionsbereitschaft der regionalen Unternehmen (55%; +9 Punkte) in diesem Jahr zu. Sie liegt damit deutlich über dem Bundeswert, ist aber vom bisherigen Höchststand aus 2019 (65%) weit entfernt. Mit der insgesamt gestiegenen Investitionsbereitschaft verschieben sich 2026 auch die Investitionsschwerpunkte. Besonders deutlich nehmen Ersatzinvestitionen zu (+16 Prozentpunkte) und deuten auf einen erhöhten Bedarf zur Erneuerung bestehender Anlagen und Betriebsmittel hin. Erweiterungsinvestitionen bleiben mit einem leichten Anstieg auf 29 % nahezu stabil. Demgegenüber gehen Innovationsinvestitionen deutlich um 12 Prozentpunkte auf 18 % zurück. Auch Rationalisierungsinvestitionen verlieren mit einem Rückgang auf 4 % weiter an Bedeutung.

Zur Vorberichterstattung führt dieser Link

Das Beitragsfoto zeigt die Kommunen und die dort ermittelten Werte

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